EMD Exporttyp AA16
Die "Electro-Motive Devision" (EMD) präsentierte 1939 das Model "F series",
das den Durchbruch für die Motorisierung des Bahnbetriebs bedeuten sollte. Die dieselelektrischen
Loks wurden von einem Zweitakt-Motor von Typ GM 567 mit 16 Zylindern und einer Leistung von
1.000 kW angetrieben, sie liefen auf zweiachsigen Drehgestellen mit 2 Fahrmotoren. Der
geschweißte Lokkasten war als Gitterkonstruktion aufgebaut und bildete zusammen mit dem
Rahmen die tragende Struktur. Die Loks in der Version "A-unit" waren mit einem
Führerstand im stromlinienförmigen "bulldog nose"-Design ausgeführt, die
führerstandslosen "B-units" dienten als "Booster". In der maximalen
Kombination von je 2 A- und B-units erreichte der Verband eine Leistung von 4.000 kW, der
sich mit seinem Einzelachsantrieb auch auf Gebirgsstrecken bewährte und eine Höchstgeschwindigkeit
von 120 km/h erreichte. In den folgenden Jahren entstanden mehrfach verbesserte Ausführungen mit
gesteigerter Leistung, wobei 1949-53 die F7 die größten Stückzahlen erreichte. Bis 1960
wurden insgesamt 7.592 Loks der F-series gefertigt.
Nach dem Ende der Restriktionen der Kriegswirtschaft, nahm EMD das Exportgeschäft in den Blick.
Dabei wurden verschiedentlich Anpasssungen beim Lichtraumprofil und den Achslasten erforderlich,
etliche Bahnen forderten darüber hinaus Loks für den Zweirichtungsbetrieb. Sofern gewünscht,
beschränkte sich EMD auf die Lieferung des Antriebsstrangs und überließ die Fertigung
von Lokkasten, Drehgestellen etc. lokalen Lizenznehmern. So entstand eine Vielzahl von
EMD-Lizenzausführungen, die nach einer EMD-Nomenklatur als Exporttypen bezeichnet wurden. Die
Typenbeschreibungen gestatteten abweichende Merkmale bei lokalen Ausführung, wie bei der Anzahl
der angetriebenen Achsen, der Höchstgeschwindigkeit in Abhängigkeit der gewählten
Getriebeübersetzung oder der Gestaltung des Lokkastens. Die Zweirichtungsausführung der
F-series mit dem GM 567-Motor in der 16-Zylinderversion erhielt die Bezeichnung EMD-Exporttyp
AA16.
Clyde Engeneering, Granville
Als erster EMD-Lizenznehmer fertigte die "Clyde Engineering" im australischen Granville ab 1951
verschiedene EMD-Muster für die "Australien National Railways" (AN) und die
"Victorian Railways" (VR). Für letztere entstand auf Basis der EMD F series die Bauart
"B class" als EMD-Exporttyp AA16 bzw. "Clyde ML2", die 1952/53 in 26 Exemplaren als
VR B60-B85 geliefert wurde. Die Loks verfügten an beiden Enden über Führerstände im
"bulldog nose"-Design und wurden von einem EMD-Motor Typ 567 mit 16 Zylindern angetrieben. Neu
wie waren Drehgestelle mit 3 angetriebenen Radsätzen zur Reduzierung der Achslasten, wobei die bisher
verwendete gußeiserne Bauart durch eine Schweißkonstruktion mit
"Flexicoil"-Schraubenfederung ersetzt wurde.
Nydqvist och Holm AB (NOHAB)
Die schwedische
Nydqvist och Holm AB (NOHAB) schloß 1949 ein Lizenzankommen mit
EMD für Nordeuropa und nahm Verhandlungen mit den skandinavischen Eisenbahnen auf. Parallel
dazu modifizierte man den EMD-Exporttyp AA16 für die europäischen Gegebenheiten. Dabei
wurde der Lokkasten an die hier üblichen kleineren Lichtraumprofile angepaßt mit
abgesenkten Traufkanten und einer verstärkten Wölbung des Daches. Auch die Vorbauten
wurden niedriger ausgeführt, wodurch sich die charakteristische Form der Fenster des
Führerstands ergab. Neu war die Pufferbohle und eine entsprechend geänderte Rahmenkonstruktion,
da reguläre Zug- und Stoßeinrichtungen anstatt der in den USA üblichen Zentralkupplungen
verwendet wurden. Bei den dreiachsigen Drehgestellen wurde auf die Konstruktion der australischen
"Clyde Engineering" zurückgegriffen (s.o.).
Als Erstkunde konnten die Dänischen Staatsbahnen (DSB) gewonnen werden, die 1954-65 insgesamt
59 AA16 in 4 Lieferserien als
DSB MY 1101-1159 bestellten.
Die Loks mit der Achsfolge (Ao1Ao)' (Ao1Ao)' wurden bis 2001 ausrangiert und im Anschluß in
größerer Zahl von verschiedenen EVUs in Dänemark, Schweden und Deutschland weiter betrieben.
Die Norwegischen Staatsbahnen (NSB) interessierten sich für die AA16 von NOHAB und wurden nach
umfangreichen Erprobungen 1954 zum 2. Kunden, sie beschafften 1957-69 insgesamt 32 Loks als
NSB Di3.602-633
(Baureihe Di3a). Abweichend von der dänischen Ausführung, hatten diese Loks die Achsfolge Co' Co' und
besondere Vorkehrungen für den Winterbetrieb wie vergitterte Frontscheiben und Abdeckhauben über
den Lüftern, um diese frei von Schnee und Eis zu halten. 1960 kamen
NSB Di3 641-643 (Baureihe Di3b)
mit der Achsfolge (Ao1Ao)' (Ao1Ao)' hinzu, die ursprünglich für die Finnische Staatsbahn (VR) geplant
waren. Der Einsatz der Di3 bei der NSB endete 2000 und die Loks wurden an interessierte Parteien abgegeben.
NSB Di3.619, 633, 641 und 643 wurden der "United Nations Interim Administration Mission in Kosovo" (UNMIK)
überlassen, die in dem kriegsverwüsteten Land den Eisenbahnbetrieb organisierte. 4 weitere Di3 gingen
an das sizilianische Gleisbauunternehmen "Impresa Salvatore Esposito", 3 Loks erwarb die
norwegische "Ofotbanen AS".
Die ungarische "Magyar Államvasutak" (MÁV) schrieb 1960 die Beschaffung einer
Großdiesellok aus. Die engere Auswahl erreichten NOHAB mit dem Muster NOHAB AA16 sowie die deutsche
"Krauss-Maffei" mit dem Modell "V 300", die beide in Ungarn erprobt wurden. Die Entscheidung
fiel zugunsten der NOHAB AA16 aus, da diese auf einer langfristig bewährten Technologie beruhte und
mit nur einem Motor einfacher zu warten war. Die MÁV orderte 20 NOHAB AA16, die 1963/64 in zwei
Losen als
MÁV M61 001-020 geliefert wurden und weitgehend den Di3 der NSB mit der
Achsfolge Co' Co' entsprachen. Die Loks erreichten in Ungarn Kultstatus, ihre Ausrangierung begann
1987/88 und zog sich bis 2000.
Henschel & Sohn
In der Bundesrepublik Deutschland schloß "Henschel & Sohn" ein Lizenzabkommen zur
Fertigung von EMD-Mustern verschiedener Leistungsklassen. Aufgrund der Präferenz der DB für
die hydraulische Kraftübertragung gelangen keine Umsätze in Deutschland, es konnten aber
einige Exportaufträge gewonnen werden. Der EMD-Exporttyp AA16 wurde 1959/60 in 38 Einheiten an
die "Egyptian National Railways" (ENR) als ENR 3201-3238 mit der Achfolge (Ao1Ao)' (Ao1Ao)'
geliefert. Die Gestaltung des Lokkastens zeigte deutliche Merkmale der NOHAB-Ausführung, allerdings
wurde die tragende Konstruktion verändert, sodaß der obere Bereich der Seitenwände
nach innen geneigt werden konnte.
Anglo-Franco-Belge (AFB)
Die Belgische Staatsbahn (NMBS/SNCB) beschaffte 1955-57 insgesamt 40 NOHAB AA16, die in Lizenz bei
"Anglo-Franco-Belge" (AFB) gebaut wurden. Die Loks basierten auf den Di3 der NSB mit der
Achsfolge Co' Co' und wurden in mehreren Ausführungen geliefert. Baureihe
SNCB 202 war für den
Reisezugdienst mit einem Dampferzeuger versehen, der bei Baureihe
SNCB 203 für Güterzüge
fehlte. 8 der Loks wurden als Baureihe
SNCB 204 mit gesteigerter Leistung und Höchstgeschwindigkeit
geliefert bzw. umgerüstet (wegen zahlreicher nachträglicher Änderungen und Umzeichnungen
sei hier auf eine Angabe der Betriebsnummern verzichtet). 1978-93 wurden insgesamt 34 der Loks mit
neuen, schwimmend gelagerten Führerständen versehen, die das Erscheinungbild grundlegend
veränderten. Die Loks erschienen in einem grünen Farbschema mit gelben Streifen und waren
aber als "Gross Nez" bzw. "Bulldog" bekannt. Im Gegensatz zu den NOHAB-Ausführungen,
wurde bei den AFB-Loks an den Stirnseiten auf den hochgesetzten, mittleren Scheinwerfer verzichtet,
der erst später nachgerüstet wurde. Desgleichen wurden die seitlichen Scheinwerfer als
Schlußleuchten gewandelt und neue Fahrlichter installiert.
Von den ursprünglich als SNCB Reihe 202 vorgesehenen Loks wurden 4 Stück umgewidmet und
1955 der "Société Nationale des Chemins de Fer Luxembourgeois" (CFL) von AFB als
CFL 1601-1604 geliefert. Die Loks erhielten ein Farbschema in Weinrot mit gelben Streifen, was ihnen
den Spitznamen "Kartoffelkäfer" einbrachte.
La Brugeoise et Nivelles (BN)
Die NMBS/SNCB erhielt 1961/62 eine weitere Baureihe auf Basis des EMD Exporttyp AA16 als Reihe 205, die bei
"La Brugeoise et Nivelles" (BN) in 42 Exemplaren als
SNCB 205.001-042 gebaut wurde.
Unverändert blieb der Antrieb durch den Motor Typ GM 16-567 C sowie die Achsfolge Co' Co'. Neu
war dagegen die Konstruktion des Lokkastens, dessen Gestaltung ähnlich der zeitgleich bei
"S. A. Cockerill" beschafften Baureihe SNCB 200 ausgeführt wurde. Allerdings behielten
die SNCB 205 das für EMD-Loks typische Designmerkmal der Bullaugenfenster am Maschinenraum,
wodurch sie optisch erkennbar waren.
Die CFL beschaffte 1963/64 ebenfalls 20 Loks entsprechend der Baureihe 205, die in Luxemburg als
CFL 1801-1820
geführt wurden. Die CFL 1800 wurden 2007 an die "CFL Cargo" (CFLCA) übergeben, wovon 7 Maschinen
2016 nach Dänemark an die "CFL Cargo Danmark" abgegeben wurden (seit 2023 "VIKING-Rail ApS").
Quellen:
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Bruun, Christian (2004): Historien om NOHAB'en i Norge. Jerbanen 7/2004: 26-31.
Christensen, Peter & Poulsen, John (1999): Motor Materiel 5: Med motor fra GM. Smørum: bane bøger.
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Jensen, Tommy O. (2004): Fætrene i Benelux. Jernbanen 7/2004: 38-39.
Koschinski, Konrad (2003): NOHABs, Rundnasen & Kartoffelkäfer. Eisenbahn Journal, Sonderausgabe 4/2003.
NOHAB-GM Alapítvány: www.nohab-gm.hu
NOHAB GM-Gruppe Deutschland e.V.: www.nohab-gm.de
Russel, Larry: General Motors Export pages. http://emdexport.railfan.net/home.html
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