Steckbrief DSB S 1 (1937)

Der spätere König Frederik IX zeigte bereits als Kronprinz ein großes Interesse am Eisenbahnwesen. So ließ er 1936 die DSB mit einen selbstgezeichneten Entwurf wissen, wie ein zeitgemäßer Salonwagen nach seiner Vorstellung auszusehen habe. Die Vorgabe wurde von der DSB-Konstruktionsabteilung ausgearbeitet und der Bau eines entsprechenden Wagens bei Scandia beauftragt. Die Gestaltung der Einrichtung übernahm der Architekt K. T. Seest in enger Abstimmung mit Königin Alexandrine. Auch König Christian X äußerte sich: So sollten u.a. die Fenster vollständig versenkbar ausgeführt werden - ein unerläßliches Merkmal wenn Majestät wünschte, seinen Untertanen huldvoll zu winken.

Der neue Salonwagen lief wie die zeitgenössischen Schnellzugwagen auf Drehgestellen mit einem Achsstand von 3 m und wurde in geschweißter Ganzstahlbauart ausgeführt. Die Einstiegtüren waren gegenüber den Seitenwänden zurückgesetzt und die Übergänge an den Stirnseiten mit Faltenbälgen geschützt. Die Dimensionen und die technischen Einrichtungen des Fahrzeuges erlaubten den Einsatz bei allen europäischen Bahnverwaltungen ausgenommen Irland, Spanien und Russland, bedingt durch die abweichenden Spurweiten. Die Farbgebung ähnelte dem DSB-Farbschema in Weinrot mit gelben Kassettenlinien, der Farbton der Grundlackierung trug aber die Bezeichnung „persisk rød“ (Persisch Rot). Als exklusives Merkmal führte der Wagen auf jeder Tür eine Darstellung der dänischen Krone. Sofern sich der Monarch an Bord seines Wagens befand, wurden an den Seitenwänden die königlichen Wappen montiert, die in Metall gegossen und farbig lackiert ausgeführt waren. Neben dem Wappen des dänischen Regenten erschien hier auch das isländische Wappen: Island hatte am 1. Dezember 1918 seine Souveränität von Dänemark erlangt, behielt aber bis zur Gründung der Republik am 17. Juni 1944 den dänischen König als Staatsoberhaupt. Nach der vollen Eigenstaatlichkeit Islands wurde nur noch das königliche Wappen Dänemarks am Salonwagen geführt.

Der prominenteste Raum des neuen Wagens war der Salon, der an einem Wagenende angeordnet war und die volle Breite sowie rund ein Viertel der Länge des Wagenkastens einnahm. Der übrige Teil des Wagens war mit einem Seitengang eingerichtet, von dem aus die einzelnen Abteile betreten werden konnten. Direkt neben dem Salon lagen die beiden königlichen Schlafabteile, die durch einen gemeinsamen Toiletten- und Duschraum getrennt wurden. Daran schloß sich der Personalbereich für bis zu 10 Bedienstete an mit 4 Schlafabteilen und einem Toilettenraum. Am gegenüberliegenden Wagenende war eine Anrichte mit Herdplatten, Kühlschrank etc. sowie ein Packraum mit Heizkessel eingerichtet. Die Einrichtung des Wagens war komfortabel und im seinerzeit modernen Stil ausgeführt: Alle Wände waren mit verschiedenen Edelhölzern getäfelt. Der Salon war mit luxuriösen Sesseln und Sofas ausgestattet, die mit königsblauen Bezügen gepolstert waren. Zu den technischen Annehmlichkeiten gehörte eine indirekte elektrische Beleuchtung sowie ein Radioempfänger, der über eine Dachantenne auch während der Fahrt genutzt werden konnte. Doppelte Wände und schallschluckende Materialien sorgten für eine akustische Isolierung der königlichen Räumlichkeiten. Die Beheizung des Wagens erfolgte mittels Dampf, der im Zugverband von der Lok entnommen oder im abgestellten Zustand in einem koksgefeuerten Heizkessel erzeugt wurde.

Der neue Salonwagen wurde 1937 mit der Betriebsnummer S 1 übergeben. Das Fahrzeug fand allgemeinen Beifall, die wenigen Änderungswünsche bezogen sich u.a. auf die zu geringe Anzahl von Aschenbechern und dergleichen. Ab 1948 wurde S 1 mit den Steuerleitungen A+B für die Zugsteuerung System ASEA-Åkerman nachgerüstet, so daß der Wagen auch zwischen zwei Triebwagen der Reihe MO eingestellt werden konnte. 1967 erfolgte die Umzeichnung als S 001. 1983-84 erfolgte eine umfassende Modernisierung des Fahrzeuges und die Erneuerung seiner gesamten technischen Ausrüstung: Der Wagen erhielt neue Drehgestelle der Bauart Minden Deutz MD 36 von der Linke-Hofmann-Busch GmbH (LHB) sowie eine neue Bremsanlage mit Scheiben- und Magnetschienenbremsen. Die Endsektionen des Wagenkastens wurden verlängert und die Übergänge mit Gummiwulstdichtungen gesichert sowie mit eingebauten Schlußleuchten ausgerüstet. Ferner entfiel die Dachantenne und die Fenster wurden mit Verbundglasscheiben versehen. Auch das elektrische System wurde erneuert und kompatibel zu den europäischen Netzen ausgelegt. Die Heizung wurde auf elektrischen Betrieb umgestellt, konnte bei Bedarf aber auch mit Öl befeuert werden. Die Raumaufteilung des Wagens blieb unverändert, die Einrichtung wurde komplett modernisiert: Die Verkleidungen der Wände und Decken sowie die Bodenbeläge wurden erneuert. Der Gestaltung der neuen Inneneinrichtung entstand unter der maßgeblichen Beteiligung von Königin Margrethe II, die auch die Stoffe für die Bezüge der Sitzmöbel entwarf. Als Wandschmuck wurden Gemälde des Malers Helge Refn mit maritimen Motiven gewählt. An technischen Neuerungen wurden moderne Kommunikationsmittel sowie eine komfortable Miniküche im Servicebereich installiert. Auf ausdrücklichen Wunsch ihrer Majestät wurde das traditionelle Farbschema des Wagens beibehalten.

Die Jungfernfahrt des S 1 erfolgte am 26. September 1937 anläßlich des Geburtstages König Christian X, der bei dieser Gelegenheit auch die Storstrømbro zwischen Seeland und Falster einweihte. Der Wagen wurde vom Königshaus auf zahllosen Fahrten innerhalb Dänemarks und im europäischen Bahnnetz genutzt. In besonderen Fällen stand der Wagen auch ausländischen Staatsgästen zur Verfügung. Selbstverständlich wurde der S 1 bei Trauerfällen im Königshaus in "Det kongelige båretog" eingereiht (1947, 1952, 1972 und 2000). Die letzte offizielle Fahrt erfolgte 2001, bevor der Wagen an Danmarks Jernbanemuseum in Odense abgegeben wurde, wo er seit 2009 besichtigt werden kann. Dabei wurden einzig die Gemälde des Malers Helge Refn für den neuen Salonwagen entnommen und durch Kopien ersetzt. Vor der Übergabe ihres S 1 von 1937 gönnte sich Königin Margrethe II die kleine Albernheit, ihren Namen in die Scheibe ihres Schlafabteils zu ritzen, wie es seinerzeit übrigens auch ihr Vater getan hatte. Der Nachfolgewagen erhielt ebenfalls die Bezeichnung S 001 und wurde 2001 in Dienst gestellt.


Technische Daten:
S 1 (Lieferzustand) S 1 (nach Modernisierung)
Anzahl 1 1
Hersteller Scandia DSB Cvk
Baujahr 1937 1984
Länge über Puffer 23.500 mm 23.500 mm
Drehzapfenabstand 16.000 mm 16.000 mm
Achsstand im Drehgestell 3.000 mm 2.500 mm
zul. Höchstgeschw. 120 km/h 160 km/h
Dienstgewicht 44,6 t 46,0 t
Einrichtung


Abbildungen:

DSB S 1 (Lieferzustand):

DK8149 DK8141 DK8139 DK8748

DK8142 DK8145 DK8148 DK8143 DK8144 DK8146 DK8147

DK7345 DK7346 DK7347 DK3849 DK3850

DK6837 DK7409


DSB S 1 nach Modernisierung:

DK3993


Wappenschilde:

DK7402 DK8140 DK4223


Quellen:
Danmarks Jernbanemuseum: www.jernbanemuseet.dk
Nørgaard Olesen, Thomas (2004): Bygningen af kongevognen fra 1937. Jernbanen 3/2004: 6-9.
Nørregård, Georg (1961): Vognfabrikken Scandia Randers 1861-1961. Randers: Scandia.
Søndergaard, Ole (2004): 1984 - renoveringen af S1 fra 1937. Jernbanen 3/2004: 10-11.
Thestrup, Poul (1992): Danske kongevogne. Roskilde: bane bøger.


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