Im 18.Jahrhundert wurde der Besuch von Bade- und Kurorten modern, die vorwiegend von der
wohlhabenden Mittel- und Oberschicht frequentiert wurden. Man versprach sich vom lokalen
Reizklima oder von Heilquellen eine lindernde Wirkung bei diversen Leiden. Beim damaligen
Stand der Medizin, stellten Kuraufenthalte für viele Indikationen tatsächlich die einzige
Hoffnung dar - man denke nur an "Der Zauberberg" von Thomas Mann mit den
Liegekuren in Hochgebirgsluft als Therapie von Tuberkulose. Anfänglich fanden die Badegäste
Logis zu einfachsten Bedingungen bei den Einheimischen, aber schon bald entdeckten Investoren
das neue Gewerbe. Man finanzierte luxuriöse Kurhotels und Sanatorien, es folgten Casinos
und andere Unterhaltungsbetriebe, neue Verkehrsmittel ermöglichten eine komfortable Anreise.
Damit wandelte sich der Bäderbetrieb schon bald zum gesellschaftlichen Spektakel.
Angeregt durch das Vorbild der britischen Seebäder wurden auf den Nordfriesischen Inseln
"Nordseebäder" eingerichtet. Der neue Erwerbszweig war zunächst umstritten, wurde
aber bald von den Inselbewohnern allgemein angenommen. Immerhin hatte zuvor die napoleonische
Kontinentalsperre gegen England 1806-13 die bisherigen Einkommensquellen Walfang und
Handelsschiffahrt versiegen lassen. Den Anfang machte Wyk auf Föhr 1819, weitere Orte folgten
und 1855 erhielt dann auch Westerland auf Sylt das Prädikat "Seebad". Unter den
ersten Badegästen befand sich der in Altona ansässige Arzt Gustav Ross, der sich begeistert
für die Entwicklung des neuen Seebades einsetzte. So inspirierte er die Einheimischen mit
Vorträgen und machte den Ort ab 1858 u.a. mit der Publikation "Das Nordseebad Westerland
auf der Insel Silt (
sic!). Eine vorläufige Ankündigung" einem breiten Publikum bekannt.
Westerland entwickelte sich in der Folge zum Modebad gutbetuchter Gäste und brachte der
Insel Wohlstand, insbesondere als Schleswig-Holstein mit den nordfriesischen Inseln 1867 eine
preußische Provinz wurde. Dr. Ross selbst blieb dagegen die Heilung versagt, er verstarb 1861
an Tuberkulose nach weiteren Kuren. Westerland ehrt seinen "Entdecker" heute mit einer
nach ihm benannten Straße.
Højer sluse
Die Anreise nach Sylt erfolgte über Tønder (Tondern), das ab 1867 mit der Südjütischen
Querbahn an das preußische Eisenbahnnetz angeschlossen war. Von hier ging es weiter nach Højer
(Hoyer) mit dem Anleger Højer sluse (Hoyerschleuse) an der Mündug des Flusses Vidå (Wiedau).
Die Etappe ab Tønder war zunächst nur mit Fuhrwerken zu bewältigen, bis der Anleger 1892 einen
eigenen Gleisanschluß mit einem hölzernen Empfangsgebäude und Restauration erhielt. Bei der
Schleuse handelte es sich um eine Entwässerungsschleuse (Siel) für das hinter dem Deich gelegene Marschland. Die
Schleuse schützte den kleinen Hafen hinter dem Deich, die Mohle für den Syltverkehr lag vor dem Deich und war
tiedenabhängig nur bei Hochwasser nutzbar. Entsprechend entstanden Unterkünfte und ein Hotel in Højer,
damit die Reisenden geeignete Pegelstände und Witterungsbedingungen abwarten konnten. Die Überfahrt
erfolgte mit Flachbodenschiffen, die bei Ebbe auf dem Meeresboden auflagen. Anfänglich landete man
am Strand in Keitum an, wo die Reisenden direkt von Bord in Fuhrwerke umstiegen. In den 1870er
Jahren wurde in Munkmarsch ein Hafen gebaut, der seinerseits 1888 an die Sylter Inselbahn
angeschlossen wurde. Ab 1883 bot die "Sylter Dampfschiffahrts Gesellschaft" (DSG)
komfortable Überfahrten von rund 2 Stunden Dauer auf komrtablen Salon-Raddampfern. Dank durchgehender
Kurswagen erweiterte sich der Einzugsbereich des Seebades und so konnte man z.B. 1905 planmäßig
in 10,5 Std. von Berlin aus in die "Sommerfrische" reisen.
Durch die Volksabstimmung von 1920 und die Vereinigung Nordschleswigs mit Dänemark änderten sich
die Verhältnisse grundlegend, da Tønder und Højer jetzt dänisches Staatsgebiet waren.
Reisende von und nach Sylt hatten nun zweimal die deutsch/dänische
Grenze zu überqueren und benötigten entsprechend Pässe und Visa. 1922 wurde das Verfahren
vereinfacht, indem die Reisezugwagen am neuen deutschen Grenzbahnhof Süderlügum verschlossen und
plombiert wurden. Die Reisenden stiegen in Højer sluse unter Aufsicht dänischer Zollbeamter
direkt auf die Fährschiffe um, ein Aufenthalt oder Übernachtungen waren nicht gestattet. Auf der
Rückreise wurde das Prozedere in umgekehrter Reihenfolge abgewickelt. Damit ließen sich die
Visumpflicht sowie langwierige Pass- und Zollkontrollen vermeiden. Die plombierten Züge wurden als
"korridortog" (Privilegierter Eisenbahn-Durchgangsverkehr) behandelt. Der Reiseverkehr über
Højer sluse endete 1927 mit der Inbetriebnahme des Hindenburgdammes.
Die Traktion der Korridorzüge erfolgte mit Loks der DSB-Reihen D und K. Daneben gab es auch d¨nische Lokalverbindungen
zwischen Tønder und Højer sluse mit Tenderloks der Reihe DSB F (III) und zweiachsigen Waggons.
Der Personenverkehr wurde 1935 durch
DSB Rutebiler ersetzt, der
verbliebene Güterbedarfsverkehr wurde 1961 eingestellt und die Gleise abgebaut. Der Hafen Højer sluse wurde u.a. für die
Fischerei weiter genutzt und erhielt noch einmal größere Relevanz während der deutschen Besetzung Dänemarks
1940-45, als von hier das Baumaterial für die Bunkeranlagen auf der Insel Rømø verschifft wurde.
1981 wurde ein vorgelagerter Deich und die neue Vidå sluse fertiggestellt, die nun obsolete Højer sluse
blieb als technisches Denkmal erhalten.
Hindenburgdamm
Bereits 1910 begannen Planungen für eine feste Verbindung zwischen Klanxbüll und Morsum auf Sylt,
die Bautätigkeit wurde aber erst 1923 aufgenommen. Am Bau des Damms waren bis 1.500 Arbeiter beteilig,
es wurden rund 3 Mio m³ Sand und Kies sowie 120.000 t Steine verbaut. Es entstand ein
eingleisiger Bahndamm mit einer Länge von 11,2 km und einer Höhe von 8 m. Dieser erheblche Aufwand wurde als
Infrastruktur- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die wirtschaftlich schwache Küstenregion Nordfrieslands
verstanden. Am 1. Juni 1927 erfolgte die feierliche Einweihung durch den seinerzeitigen
Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der auch Namensgeber war. Der planmäßige Kfz-Transport
auf die Insel wurde 1932 aufgenommen und seither zwischen Niebüll und Westerland auf Sylt etabliert.
Ab den 1960er Jahren wandelte sich der Sylttourismus endgültig
zum Individual-Massenverkehr mittels Pkw, der die Insel mit Autozügen über den Hindenburgdamm erreichte. Es entstanden
Appartementanlagen mit bis zu 14 Stockwerken, die Inselbahn wurde 1970 eingestellt und durch Busse ersetzt. Der Name des Bauwerks ist
in jüngerer Zeit umstritten wegen der historischen Rolle Hindenburgs bei der Machtergreifung Hitlers 1933. Die Initiativen
zur Umbennung stehen allerdings vor dem Kuriosum, daß der Name "Hindenburgdamm" nie offiziell vergeben oder durch eine
Namenstafel manifestiert wurde, sondern traditionell als Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs etabliert ist.
Der Hindenburgdamm wurde 1972 zweigleisig ausgebaut und verbindet Sylt über die Marschbahn mit Niebüll und Hamburg-Altona.
Derzeit (Stand 2024/25) wird der regionale Reiseverkehr durch den Verkehrsverbund NAH.SH mit Wendezügem bedient, hinzu kommen
täglich 2 IC-/EuroCity-Verbindungen aus Köln sowie je eine weitere aus Berlin und Stuttgart. Den Kfz-Transfer mittels Autozügen
teilen sich die DB mit dem "DB Sylt Shuttle" (rot) sowie seit 2016 die "Railroad Development Corporation" (RDC) mit dem
"RDC AUTOZUG Sylt" (blau). Beide Eisenbahnverkehrsunternehmen nutzen die Verladeterminals gemeinsam, die Reisenden verbleiben
während der Überfahrt in ihren Fahrzeugen. Wegen überalterter Infrastruktur und Fahrzeugen kommt es im Syltverkehr
nahezu täglich zu Betriebsstörungen und Ausfällen. Eine Modernisierung der Marschbahn und ihre durchgehende
Elektrifizierung bis Hamburg ist in Planung, die Terminierung der Maßnahmen ist aber noch Gegenstand lebhafter Debatten.
Sylt über See
Alternativ zu den oben beschriebenen Wegen, ist Sylt auch über See erreichbar. 1889 gründete der legendäre
Reeder Albert Ballin seine "Ballins Dampfschiff-Rhederei-Gesellschaft" (ab 1897 "Nordsee-Linie
Dampfschiffs-Gesellschaft mbH", 1904 von HAPAG übernommen). Diese bot eine Verbindung per Schnelldampfer von
Hamburg via Helgoland nach Sylt. Nach dem 1. Weltkrieg einigten sich die großen Konkurrenten im Seebäderdienst:
HAPAG bediente die Nordfriesischen Inseln, der "Norddeutsche Lloyd" (NDL) steuerte die Ostfriesischen
Inseln an. Der Seebäderdienst endete mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges, nach 1945 wurden neue Verbindungen
durch verschiedene Betreiber aufgebaut.
Ab 1963 gab es auch wieder eine Schiffspassage aus Dänemark, als die dänische "Rederiet Lindinger A/S"
eine Route zwischen Havneby auf Rømø und List auf Sylt einrichtete. Da Rømø bequem über einen befahrbaren Damm
erreichbar ist, erfreute sich die Verbindung schon bald regen Zuspruchs. 1979 wurde die "Rømø-Sylt Linie"
von der "Flensburger Förde-Reederei" und später von der " Förde Reederei Seetouristik" übernommen.
Seit 2021 betreibt die "FRS Syltfähre GmbH & Co. KG" die beiden Kfz-Fähren "M/S SYLTEXPRESS"
und der "M/S RÖMÖEXPRESS".
Derzeit (Stand 2025) bietet die Reederei "Adler-Schiffe" saisonal verschiedene Linienverkehre von
und nach Hörnum auf Sylt mit schnellen Fahrgastschiffen ohne Kfz-Mitnahme:
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M/S ADLER CAT: Cuxhafen via Helgoland |
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M/S ADLER EXPRESS: Nordstrand |
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M/S ADLER RÜM HART: Dagebüll via Wyk auf Föhr |
Flugverkehr
Sylt verfügt seit 1919 über ein Flugfeld, als die "Deutsche Luftreederei" die Route
Berlin-Hamburg-Sylt als Deutschlands zweite Linienflugverbindung einrichtete. Trotz geringer Platzzahlen
fand das Angebot begeisterte Nachfrage und bereits 1925 zählte man 2.560 Fluggäste. Nach dem 2. Weltkrieg
wurde der Flugplatz zunächst militärisch genutzt und 1961 aus britischer Hoheit in deutsche Hand übergeben.
Seither entwickelte sich ein lebhafter Charter- und Linienverkehr, der Flugplatz ist für Maschinen bis zur
Größe einer Boeing 737 o.ä. geeignet.
Quellen:
Brodersen, Uwe (2007): Højer - som havneby. www.dengang.dk
Flughafen Sylt: https://www.flughafen-sylt.de
FRS-Syltfähre: https://www.frs-syltfaehre.de
Lund, Julia (2018): Der Wegbereiter für den Tourismus auf Sylt - Zum 200. Geburtstag von Dr. Gustav Ross. sh:z Archiv, https://www.shz.de
Steensen, Thomas (2019): Das erste Nordseebad: Von Möwen mit goldenen Flügeln - 200 Jahre Tourismus auf Föhr. sh:z Archiv, https://www.shz.de
Sylt - Die Insel: https://www.sylt.de
Wraae, Flemming & Thunberg, Steen (1995): 70 år med Højerbanen. Højer: Flemming Wraae (Eigenverlag).
Wraae, Flemming & Thunberg, Steen (1995): 1920: Højerbanen. Jernbanehistorisk årbog '95: 34-43. Smørum: bane bøger
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